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Podiumsdiskussion: Meinungsstreit ohne Streit

Ein Plädoyer gegen das Unwesen todlangweiliger Podiumsdiskussionen

Für manche sind es nur Kleinigkeiten, für mich als Journalisten allerdings Wesentlichkeiten: die korrekte Verwendung von Begriffen.

So ist im Zeitalter der Fernseh-Talkshows eine rapide Zunahme von sogenannten “Podiumsdikussionen” zu beobachten. Nun bin ich fürwahr kein Gegner des kultivierten Streitgesprächs, ganz im Gegenteil. Was ich allerdings nicht mag, sind Streitgespräche, die keine sind, weil der Meinungsstreit fehlt.
Denn ganz im Gegensatz zu der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die die Worte “Podiumsdiskussion” und “Podiumsgespräch” gleichsetzt, plädiere ich dafür, auf die Untschiede zwischen Gespräch und Diskussion zu achten.
Eine Diskussion setzt immer mindestens zwei Gesprächspartner mit unterschiedlichen Meinungen oder Auffassungen voraus. Ein Gespräch dagegen kann völlig einvernehmlich geführt werden. Ja, es gibt sogar Selbstgespräche. Von Selbstdiskussionen dagegen habe ich bisher noch nicht gehört.
Als Besucher einer Podiumsdiskussion erwarte ich also einen Meinungsstreit, und diesen auf möglichst unterhaltsame Weise. Mögen dabei die Fetzen fliegen, solange die Podiumsdiskutanten beim Thema bleiben und sich hinterher noch in die Augen schauen und die Hände geben können.
Ob eine Podiumsdiskussion in diesem Sinne gelingt, hängt in erster Linie von der Auswahl des Themas und der Podiumsteilnehmer ab, in zweiter Linie von der Qualität des Moderators. Sitzen auf dem Podium Personen, die im Prinzip einer Meinung sind oder die mit ihrer Meinung niemanden wehtun wollen und zum Lachen in den Keller gehen, wird man sehr wahrscheinlich eines erreichen: große Teile des Publikums verlassen während der Veranstaltung den Saal und kommen nicht wieder. Die wenigen, die dableiben, müssen nach der Veranstaltung geweckt werden.
Übrigens: Auch Podiumsgespräche können durchaus kurzweilig und unterhaltsam sein. Im Idealfall tauschen die Gesprächsteilnehmer ihre Gedanken auf originelle und humorvolle Weise aus und entwickeln so vielleicht ganz neue, überraschende Ideen. Auch hier gilt: Podiumsteilnehmer müssen nicht nur Fachexperten, sondern auch Kommunikations- beziehungsweise Showexperten sein.

Berufsbedingt besuche ich viele Podiumsdiskussionen. Vier von fünf sind leider todlangweilig. Das fängt oft schon beim Thema an. Wenn ich zum Beispiel zu einer Podiumsdiskussion “Neuer Personalausweis: Einführung – und danach … – Was machen wir daraus?” eingeladen werde und als Podiums-”Diskutanten” nur Behördenvertreter und Befürworter des neuen Ausweises angekündigt werden, weiß ich schon, dass ich neben Block und Stift noch ein weiteres mitnehmen muss: eine Thermoskanne mit Kaffee.

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