Meinung eines Keynsianers:
Was ist denn dabei, wenn sich der Staat immer mehr verschuldet? Anders als der Mensch stirbt der Staat nicht. Hat er kein Geld mehr, kann er neue Kredite aufnehmen oder sich auf dem Kapitalmarkt neues Geld beschaffen. Kann er die Zinsen dafür nicht zahlen, kann er einfach neue Kredite aufnehmen.
Davon profitieren die Kaptialanleger und Sparer. Sie können ihr Geld in staatlichen Anleihen anlegen. Was täten die Lebensversicherungen und Altersvorsorgefonds mit ihrem vielen Geld, wenn sie dieses nicht in staatliche Papiere sicher investieren könnten?
Erhöht der Staat die Steuern, holt er sich Geld direkt bei den Bürgern. Nimmt er Kredit auf, holt er es sich letztlich auch bei den Bürgern. Denn diese legen ihre Ersparnisse bei Banken, Fonds und Lebensversicherungen an, die wiederum staatliche Anleihen kaufen. Oder die Bürger erwerben selbst Bundesschatzbriefe, -anleihen und -finanzierungsschätze.
Warum also dann das ganze Gerede um die Staatsverschuldung? Warum diesen Unsinn mit der Schuldenbremse?
Und ist das Geld nichts mehr wert, macht man einfach einen Währungsschnitt, zum Bespiel 10 Euro entsprechen einem New Euro. Und macht weiter wie zuvor.
Widersprüche zu dieser These, nicht nur von Monetaristen und Neoklassikern, sind erwünscht.
Schützenswerte Minderheit im eigenen Land?
“Bitte schicken Sie uns Ihr Angebot asap zu.”
Der Handwerksmeister ist verwirrt. Natürlich schickt er gerne möglichen Kunden ein Angebot zu. Doch was ist asap? Der Mann hat sich schon an Begriffe wie Workflow, Facilities und Chillout gewöhnt. Asap klingt aber irgendwie orientalisch.
Vielleicht weiß das Gedächtnis der Menschheit, die Online-Enzyklopädie Wikipedia, Rat?
Demnach ist ASAP
- ein Lied des japanischen Pop-Sängers Utada Hikaru oder
- eine Hardrock-Band oder
- es handelt sich um das Musical-Stück “As slow as possible” von John Cage.
1 und 2 passen gar nicht. Und 3? Soll er das Angebot etwa so langsam wie möglich zuschicken? Das ergibt keinen Sinn.
Da weiß ein guter Bekannter Rat: “As soon as possible!”
Schön. Warum nicht gleich so?
Es soll noch Menschen geben, die Deutsch sprechen. Für diese sollte man zumindest in Klammer (so bald wie möglich) oder (baldmöchlichst) schreiben. Das gebietet die Uno-Menschenrechtscharta. Folkloristische Randgruppen sollten in allen Ländern der Erde Minderheitenschutz genießen.
Von den Grenzen grenzenlosen Wachstums und der Chance in der Krise
“Krise ja, aber ohne mich!” lautet ein Leitspruch der Positivisten, jener Klinsmänner also, die missratene Situationen schönreden oder schöndenken wollen. Gegen einen gesunden Optimismus ist zwar grundsätzlich nichts einzuwenden. Er sollte jedoch mit einem ordentlichen Schuss Realismus gepaart sein. Und die Realität der Krise besagt, dass wir es derzeit nicht mit einer “normalen” Konjunkturdelle zu tun haben, sondern mit einem Fehler im System. Die Wochenzeitung “Die Zeit” hat das Grundproblem auf den Punkt gebracht mit Ihrer Titelschlagzeile: “Geht es auch ohne Wachstum?”
Diese Frage würde wohl jeder in anderen Bereichen, zum Beispiel im Garten, bei den eigenen Kindern oder bei der eigenen Arbeitszeit, mit ja beantworten. In der Volkswirtschaft tut man sich offensichtlich nicht so leicht damit. Denn der Fehler im System, genauer im Geldsystem, ist wohl eines jener Tabus in unserer Gesellschaft, an dem man auch in Zeiten der Krise bestenfalls nur vorsichtig rütteln darf, so wie es der “Zeit”-Autor gemacht hat. Denn wir alle sind von Kindesbeinen an darauf konditioniert, dass Geld Zinsen bringt, wenn man es zur Bank bringt. Wir gaben artig unsere Sparschweine ab und wurden dafür mit Spielsachen belohnt. Später rechneten uns Versicherungsvertreter vor, dass Lebensversicherungen oder Sparpläne uns einen sorgenfreien Ruhestand bescheren könnten dank des Zinseszins-Effekts. Das Wesen unseres Geldes und das Finanzsystem schienen so unumstößlich zu gelten wie Naturgesetze. Dabei war Geld nicht schon immer auf der Welt, und auch der Zins ist eine Erfindung des Menschen. Grenzenlos wachsendes Geldvermögen allerdings verlangt nach grenzenlos wachsender Wirtschaftsleistung. Oder anders ausgedrückt: Die Kaufkraft des Geldes muss durch Güter, Waren und Dienstleistungen gedeckt sein. Die doppelte Buchführung, jedem Kaufmann ein Selbstverständnis, gilt auch hier. Die Zinsen, also das erwerbslose Einkommen, das ich erhalte, muss irgendwo ein anderer Mensch erwirtschaften und erarbeiten. Nur: Irgendwann gibt es nicht mehr genügend Menschen, die das leisten können oder wollen. Und die Natur lässt sich auch nicht grenzenlos ausbeuten. In der Vergangenheit lösten die Menschen dieses Problem mit einem Währungsschnitt. Das Geld verlor massiv an Wert oder wurde durch neues ersetzt. Und damit konnte das Spiel vom grenzenlosen Wachstum von vorne losgehen.
Lässt dieses Grundproblem in unserem Wirtschaftssystem unsere Politiker kalt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wer weiß, ob nicht schon Pläne für einen Währungsschnitt in den Schubläden der Wirtschaftsminister schlummern.
Margrit Kennedy, die sich schon seit über 20 Jahren mit alternativen Geldsystemen befasst, wurde vor einigen Wochen von Politikern um Rat gefragt, wie man rasch eine Notwährung einführen könne. Das jedenfalls berichtete sie auf einem Geldkongress in Frankfurt am Main. Allerdings handelte es sich bei den Politikern nicht um Mitglieder der deutschen Bundesregierung oder eines anderen größteren Landes. Die Ratsuchenden waren Mitglieder einer Kantonatsverwaltung in der Schweiz.
Vielleicht tut es hier gut, etwas positivistisch zu sein: Nicht ein kleiner Kanton, sondern die in Gelddingen nicht unmaßgebliche Schweiz beschäftigt sich mit einem alternativen Geld- und Währungssystem.
Tags: Banken, Die Zeit, Finanzkrise, Geld, Geldsystem, grenzenloses Wachstum, Journalismus, Krise, Wirtschaft, Wirtschaftskrise, Zins, Zinseszins
Manipulationen und Fälschungen bei der Berichterstattung über das Massaker von Winnenden
Das Massaker von Winnenden ist zwar schon einige Zeit her, doch in der April-Ausgabe des Fachmagazins “journalist” (www.journalist.de) ist ein bemerkenswerter Artikel von Jochen Kalka erschienen. Kalka ist Chefredakteur der Zeituschrift “Werben und Verkaufen”, die in München erscheint. Er lebt mit seiner Familie in Winnenden. Seine Frau ist Lehrerin in einem benachbarten Ort, seine Kinder besuchen eine Schule in Winnenden.
Am Tag des Unglücks nun wurde Kalka von seiner Familie über das Vorgefallene benachrichtigt. Er eilte nach Hause und verbrachte die folgenden Tagen bei seiner Familie. Somit erlebte er hautnah sensationslüsterne Reporter rücksichtslose Fotografen, aufdringliche Kameraleute. Fast 50 Übertragungswagen traf man in dem Städtchen an, nicht nur aus dem Inland, sondern auch aus Russland, der Schweiz, aus Frankreich, den USA und sogar vom arabischen Sender Al Jazeera. Viele weit verbreitete Klischees von skrupellosen Journalisten, denen es nur um ihre Story geht, sah man bestätigt. Und auch die Wahrheit wurde verbogen, verfälscht und inszeniert, nur um der Konkurrenz vermeindlicherweise um ein paar Nasenlängen voraus zu sein.
So schreibt Jochen Kalka: “Weil Sender das Filmmaterial und die O-Töne dringend brauchten, bezahlten sie dafür. Für 20 bis 100 Euro wurde Schülern diktiert, was sie zu berichten hätten. Oder sie sollten Blumen und Kerzen ablegen und sich dann weinend umarmen. Auch der Satz ,Tim wurde von seinen Mitschülern gemobbt’ soll gekaufte Filmware gewesen sein.”
Nachrichten sind eben Waren wie Handys und Bekleidungsartikel. Da muss man damit rechnen, dass sie nachgemacht und gefälscht werden, oder nicht?
Nur: Wer schreitet gegen die Missachtung der Grundsätze von Ehik und Moral ein? Der Presserat vielleicht? Nicht umsonst haftet diesem der Ruf ein, ein zahnloser Tiger zu sein.
“Tag des Wirtschaftsjournalismus”
am 25. März 2009 in Köln
Ein Kompliment an die Macher des “Tag des Wirschaftsjournalismus” am 25. März in Köln! Journalistnschüler, Chefredakteure, Ressortleiter und freie Journalisten gaben sich ein munteres Stelldichein. Sicher war das Interview mit Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt das Glanzlicht der Veranstaltung. Es ist einfach beeindruckend, über welches Wissen und analytisches Denken der inzwischen 90-jährige Hamburger verfügt. Und welch köstlicher trockener Humor!
Doch auch der Vortrag von Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratsvoritzender der Commerzbank, war interessant. Er gestand ein, bei der Ausübung seines Amtes Fehler gemacht zu haben. Von Konsequenzen für seine Person sagte er nichts. Naja, vielleicht ist es in Krisenzeiten chique, Fehler einzugestehen und im Büßergewand herumzulaufen, vor allem, wenn man für ein Institut arbeitet, an dem sich der Staat finanziell beteiligt hat.
Als kurz vor dem Mittagsimbiss die Moderatorin Dr. Ursula Weidenfeld (Der Tagesspiegel) Alexander Hagelüken (Süddeutsche Zeitung), Thomas Hütsch (Hessischer Rundfunk), Uwe Müller (WDR Hörfunk), Hermann-Josef Tenhagen (FINANZtest) und Werner Zedler (Guter Rat) zu einer Podiumsdiskussion auf die Bühne bat, fürchtete ich, dass der Tiefpunkt der Veranstaltung gekommen sei. Denn als hauptberuflicher Besucher von Podiumsdiskussionen bin ich es gewohnt, mich bei solchen Gelegenheiten zu Tode zu langweilen. Denn meist sind die Podiumsteilnehmer zahm wie Kätzchen, sie sondern vorgefertigte Stellungnahmen ab und der Moderator lässt sie voller Bewunderung gewähren. Oft genug sind die vermeintlichen Disputanten allesamt einer Meinung. Und wer sich an einem geistreichen Streitgespräch erfreuen wollte, wird enttäuscht.
Ganz anders zum Glück beim “Tag des Wirtschafsjournalismus”: “Guter Rat ist teuer – Hat der Nutzwertjournalismus versagt?” lautete das Thema. Man war hinterher zwar auch nicht viel schlauer, aber man hatte sich aufs Vorzüglichste unterhalten.
Das galt übrigens auch für die Publikumsdiskussion über die neuen Redaktionsmodelle bei DIE WELT, Financial Times Deutschland und Westdeutscher Allgemeiner Zeitung. Hier enttäuschte lediglich ein wohl aus Zeitgründen ungenügend vorbereiteter stellvertretender FTD-Chefredakteur. Dieses Manko machte allerdings Bernd Ziesemer, Chefredakteur des Handelsblatts, mit einem bissigen und humorvollen Rundumschlag mehr als wett.
Nicht nur die geistige Kost stimmte, sondern auch die materielle. Mittagsimbiss und vor allem das Abendessen waren köstlich. Schade nur, dass viele Besucher gleich zum Zug eilen mussten und sich diesen Genuss entgehen ließen.
Schreiben und PR, das kann doch jeder, oder nicht?
Nichts gegen Hausfrauen. Sie verrichten eine gute und wichtige Arbeit. Und wenn man die Termnkalender mancher Grundschüler sieht, so möchte man keine Mutter um ihre Aufgabe beneiden. Denn neben Kochen, Waschen, Saubermachen und Einkaufen muss sie auch noch Familienmanager spielen und als Chauffeur die Kinder zu Veranstaltungen unterschiedlicher Art bringen und wieder abholen.
Doch es mag auch Hausfrauen geben, die sich nicht ausgelastet fühlen. Manche von ihnen verdingen sich als Journalist und PR-Fachkraft. Da für das Haushaltseinkommen und die soziale Absicherung ja der Partner sorgt, kann man mit sensationell günstigen Konditionen auf den Markt treten, die einem hin und wieder bei Gesprächen mit möglichen Kunden präsentiert werden. “Wir kennen jemand, der macht diese Arbeit aber für 20 Euro die Stunde.”
Das ist meist die freie Mitarbeiterin XY oder der Schullehrer Z, der keine Anstellung im Schuldienst bekommen hat.
“Schön”, sage ich dann manchmal. “Haben Sie sich mal Ihren Stundenlohn ausgerechnet? Nehmen Sie Ihr Jahresbrutto, rechnen Sie 50 Prozent dazu und teilen Sie den Betrag durch 220 Tage und acht Stunden. Und dann schlagen Sie noch eine Sicherheitsreserve für Ihr unternehmerisches Risiko drauf. Denn als Selbständiger arbeiten Sie ohne Kündigungsfrist und ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.”
Meistens jedoch frage ich den Gesprächspartner, ob er an professioneller Arbeit und an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert ist. Ob er sich einen Partner wünscht, der konzeptionell denkt, eigene Ideen einbringt und sich als hauptberuflicher Experte für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit stets auf dem Laufenden hält.
Denn nur mit einem solchen Partner zahlt sich Öffentlichkeitsarbeit letztlich für ihn aus.
Aber Hauptsache gespart. Augen zu und durch!
Komischerweise denkt so keiner, der auf den Operationstisch muss. Da kann der beste Arzt nicht teuer genug sein.
Oder ist nur bisher keiner auf die Idee gekommen, sich von einer Hausfrau mit Medizinstudium günstig operieren zu lassen?
Kommunikationsabteilungen sollten auch nach innen kommunizieren
Wer als Journalist professionell Informationen sammelt, auswertet und zur Veröffentlichung aufbereitet, ist dem Segen und Fluch der Zitatfreigabe ausgesetzt. Segen deshalb, weil man durch ein Gegenlesen und Freigeben von Sachverhalten mögliche Fehler vermeidet; Fluch, weil der Freigabeprozess möglicherweise sehr zeitaufwendig sein kann und weil vielleicht gerade die Passagen geändert werden könnten, die den Text besonders bereichern.
Und es kann einem auch Folgendes passieren:
Für einen Artikel für die Financial Times Deutschland recherchierte ich bei einem Unternehmen, das weltweit rund 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Kontakt zu meinem Gesprächspartner, dem Leiter einer Entwicklungsabteilung, kam über einen Berater zustande. Dieser Chefentwickler war sehr kooperativ. Bei einem ersten Telefonat hörte er sich geduldig meine Fragen an und verwies darauf, dass er sich zunächst unternehmensintern kundig machen müsse. Das tat er dann auch und beantwortete meine Fragen zu meiner vollen Zufriedenheit. Da er nicht um eine Zitatfreigabe bat und das Thema auch nicht sonderlich brisant war, verfasste ich meinen Artikel und alles war gut – doch nur zunächst.
Nach drei Wochen meldete sich der Mitarbeiter wieder bei mir und fragte, was ich über seine Firma geschrieben hätte. Denn seine Kommunikationsabteilung habe ihn darauf hingewiesen, dass Informationen an die Medien nicht ohne ihre Zustimmung herausgegeben werden dürften. Zu diesem Zeitpunkt war der Artikel zwar noch nicht erschienen. Das Layout war jedoch weitgehend erstellt, so dass nur leichte Änderungen im Text berücksichtigt werden konnten. Ich schickte dem Chefentwickler also seine Zitate und las ihm vor, in welchem Textzusammenhang sie verwendet werden. Er stellte ein paar Kleinigkeiten sofort richtig, verwies aber darauf, dass er noch die Freigabe seiner Kommunikationsabteilung einholen müsse.
Ich gewährte ihm eine Frist. Am letzten Tag dieser Frist schließlich, abends gegen halb sieben, teilte der Mitarbeiter per Mail mit, dass ich sein Unternehmen in dem Artikel nicht erwähnen dürfe. Ich hätte also den kompletten Absatz streichen müssen.
Das war natürlich nicht möglich und darüber hinaus auch nicht vereinbart. Ich informierte den Mitarbeiter darüber und bot ihm ein weiteres Mal an, innerhalb des Textabschnittes Änderungen vorzunehmen, sofern diese sachlich begründet seien. Darüber hinaus schlug ich ihm vor, dass sich seine Kommunikationsabteilung an mich wenden sollte, um diese Angelegenheiten direkt mit den entscheidungsbefugten Personen klären zu können. Ich setzte eine Frist bis Montagnachmittag. Diese verstrich, ohne dass sich jemand von dem Unternehmen bei mir gemeldet hätte.
Sicherheitshalber informierte ich die Redaktion der Financial Times Deutschland über den Vorfall. Würde die Redaktion zu ihrem Autor stehen?
Erfreulicherweise ja!
“Völlig richtig, da nicht zu Kreuze zu kriechen!”, schrieb der zuständige Redakteur.
Um solche Irritationen mit Journalisten zu vermeiden, sollten Unternehmen dafür sorgen, dass ihre maßgeblichen Mitarbeiter wissen, wie sie mit Presseanfragen umzugehen haben. Das spart Zeit, Arbeit und Ärger auf beiden Seiten.
Vorsicht! Grußwortredner!
Ein Deutscher, ein Franzose und ein Engländer werden im fernen China zum Tode verurteilt. Jeder hat einen letzten Wunsch frei. Der Franzose wird als Erster gefragt. „Ich möchte noch einmal gut essen. Ein Sechs-Gänge-Menü mit Rotwein.” Er bekommt sein Essen und wird hingerichtet. Der letzte Wunsch des Deutschen: „Ich möchte noch eine große Rede halten.” Darauf der Engländer: „Bevor der Deutsche seine Rede hält, möchte ich erschossen werden.“
Ja, liebe Leser, wir Deutschen sind nicht gerade berühmt für zündende, unterhaltsame Reden. Vielleicht haben Sie selbst schon einen endlosen Reigen langweiliger Grußworte über sich ergehen lassen müssen? Oder Sie haben einen Redenmarathon von zwei Stunden oder länger miterduldet? Leider denken Veranstalter, vor allem wenn diese dem öffentlichen Sektor zuzurechnen sind, bei der Programmplanung meist nur an die Redner und professionellen Grußwort-Sprecher, nicht aber an das Publikum, das diesen endlosen Wortschwall ertragen muss.
Vor einiger Zeit ereignete sich in einer kleinen Gemeinde Folgendes: Es ist Sommer, nahezu 30 Grad im Schatten. Ein Gebäude wird eingeweiht. Der Reigen der Grußwortsprecher ist endlos: Bürgermeister, Minister, Hausherr, Ortsvorsteher, Pfarrer, mehrere Vereinsvorsitzende, Architekt, und, und, und. Der Saal ist klein, die Luft ist dick. Die Zeremonie dauert schon über zwei Stunden lang. Da sinkt die Frau eines Ehrengastes bewusstlos zu Boden. Der Reden-Marathon musste abgebrochen werden. Der rasch herbeigerufene Arzt stellt fest: Nichts Ernsthaftes. Nur über die Ursache muss noch gestritten werden: Lag es an der Hitze oder an der durch zu viele Reden verseuchten Luft?
Übrigens: Die Gemeinde hat aus dem Vorfall gelernt. Zwei Wochen später mussten die Gäste bei der Einweihung eines weiteren Gebäudes fast drei Stunden ausharren, bis auch das letzte Grußwort gesprochen war. Doch dieses Mal hatte die Gemeinde Vorsorge getroffen: Die Gäste durften auf Stühlen Platz nehmen.
Für als Journalisten getarnte PR-Mitarbeiter stehen die Türen der Redaktionen sperrangelweit offen
Natürlich freut man sich als freier Journalist darüber, wie leicht es oftmals ist, Redaktionen Themen anzubieten oder sich als neuen Mitarbeiter vorzustellen. Anruf genügt: “Guten Tag, ich bin freier Journalist. Hätten Sie Interesse an dem Thema XYZ?” Und schon ist man nicht nur im Gespräch, sondern häufig auch im Geschäft.
Doch es stellt sich die Frage: Wenn das bei mir so einfach funktioniert, dann sicher auch bei anderen. Da könnte ja jeder anrufen und sagen: “Ich bin freier Journalist …” – der Mitarbeiter einer PR-Agentur, der Pressesprecher eines Unternehmens oder die Ulknudel, die die Redaktion mit einem fingierten Beitrag foppen will. Es verwundert, dass offensichtlich viele Redaktionen keine Eingangskriterien festgelegt haben, die ein neuer Mitarbeiter erfüllen muss, will er für das Medium arbeiten. Aus reinem Selbstschutz wäre dies eigentlich angeraten. Und natürlich auch, um die Glaubwürdigkeit des eigenen Mediums aufrechtzuerhalten. Denn wenn es PR-Mitarbeitern auf so einfache Weise möglich ist, Inhalte als scheinbar unabhängige journalistische Beiträge zu plazieren, stellt dies letztlich die Unabhängigkeit des Mediums insgesamt infrage.
Mit nur einer Ausnahme von diesem traurigen Regelfall kann ich übrigens dienen: Das Wirtschaftsmagazin “Brand Eins” weist ausdrücklich darauf hin, dass es keine Artikel abnimmt über Personen oder Unternehmen, für die man als Journalist auch PR macht. Außerdem erhält man nach einem ersten Telefonat die Autorenrichtlinien des Verlags. Nur wenn man diese anerkennt, kann man für das Magazin tätig werden.
Das nenne ich vorbildlich, wenn es natürlich auch schwer sein wird, die Einhaltung zu kontrollieren.
www.brandeins.de
Kolumne über das Unwesen des unprofessionellen Redens
Ich fürchte, daß ich an einer unheilbaren Berufskrankheit leide. Wenn ich hier darüber spreche, dann in der Hoffnung, daß dieses Bekenntnis meine Genesung begünstigt. Denn kein Arzt, kein Heilpraktiker hat mir helfen können. Ich leide unter Redenallergie oder, um den Fachausdruck zu gebrauchen, unter Palaverphobie. Wenn ein Mensch, meist männlichen Geschlechts, zu einem Rednerpult schreitet, überkommen mich Schweißausbrüche. Wenn er einen Stapel Blätter in Händen hält, raubt mir eine Enge in der Brust fast den Atem. Und wenn der Redner zu sprechen anhebt mit „Ich möchte begrüßen“ oder „Ich möchte danken“ und wenn er diese Phrase fünf bis zehn Minuten lang gebraucht hat, gerate ich schier in Panik. „Mein Gott!“, denke ich. „ Er möchte begrüßen, und spricht darüber schon seit zehn Minuten! Wie lange wird er noch reden, bis er mit dem Begrüßen endlich beginnt?“ Besonders schlimm wird es, wenn der Redner verspricht, sich kurzfassen zu wollen. Meine Hände zittern, und nur unter Aufbietung meiner ganzen Willenskraft kann ich verhindern zu klatschen, um nicht den Unmut der Anwesenden auf mich zu ziehen.
Besonders stark reagiert mein Körper, wenn der Betreffende ankündigt, zum Schluß kommen zu wollen. Mein Blutdruck steigt, ein Schwindel bemächtigt sich meiner. „Schluß, Ende, aus!“, möchte ich brüllen. „Mach doch einfach Schluß statt nur darüber zu reden!“ Doch zum Glück versagt meine Stimme, meine Zunge fühlt sich dick an wie ein Kloß und um mich her wird Nacht, bis der Applaus, der erlösende, mich in die Gegenwart zurückholt.
Leidet unter Ihnen, liebe Leser, jemand unter ähnlichen Symptomen? Wir könnten eine Selbsthilfegruppe gründen.
Auf alle Fälle wünsche ich Ihnen viele kurze, humorvolle und erfrischende Reden. Mit den besten Grüßen,
Ihr Martin Bernhard
« Vorherige Seite — Naechste Seite »