Segen und Fluch von Zitatfreigaben

Februar 17, 2009 · Posted in Der rasende Reporter, Journalismus und PR · Comment 

Kommunikationsabteilungen sollten auch nach innen kommunizieren

Wer als Journalist professionell Informationen sammelt, auswertet und zur Veröffentlichung aufbereitet, ist dem Segen und Fluch der Zitatfreigabe ausgesetzt. Segen deshalb, weil man durch ein Gegenlesen und Freigeben von Sachverhalten mögliche Fehler vermeidet; Fluch, weil der Freigabeprozess möglicherweise sehr zeitaufwendig sein kann und weil vielleicht gerade die Passagen geändert werden könnten, die den Text besonders bereichern.

Und es kann einem auch Folgendes passieren:

Für einen Artikel für die Financial Times Deutschland recherchierte ich bei einem Unternehmen, das weltweit rund 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Kontakt zu meinem Gesprächspartner, dem Leiter einer Entwicklungsabteilung, kam über einen Berater zustande.  Dieser Chefentwickler war sehr kooperativ.  Bei einem ersten Telefonat hörte er sich geduldig meine Fragen an und verwies darauf, dass er sich zunächst unternehmensintern kundig machen müsse. Das tat er dann auch und beantwortete meine Fragen zu meiner vollen Zufriedenheit. Da er nicht um eine Zitatfreigabe bat und das Thema auch nicht sonderlich brisant war, verfasste ich meinen Artikel und alles war gut – doch nur zunächst.

Nach drei Wochen meldete sich der Mitarbeiter wieder bei mir und fragte, was ich über seine Firma geschrieben hätte. Denn seine Kommunikationsabteilung habe ihn darauf hingewiesen, dass Informationen an die Medien nicht ohne ihre Zustimmung herausgegeben werden dürften. Zu diesem Zeitpunkt war der Artikel zwar noch nicht erschienen. Das Layout war jedoch weitgehend erstellt, so dass nur leichte Änderungen im Text berücksichtigt werden konnten. Ich schickte dem Chefentwickler also seine Zitate und las ihm vor, in welchem Textzusammenhang sie verwendet werden.  Er stellte ein paar Kleinigkeiten sofort  richtig, verwies aber darauf, dass er noch die Freigabe seiner Kommunikationsabteilung einholen müsse.
Ich gewährte ihm eine Frist. Am letzten Tag dieser Frist schließlich, abends gegen halb sieben, teilte der Mitarbeiter per Mail mit, dass ich sein Unternehmen in dem Artikel nicht erwähnen dürfe. Ich hätte also den kompletten Absatz streichen müssen.
Das war natürlich nicht möglich und darüber hinaus auch nicht vereinbart. Ich informierte den  Mitarbeiter darüber und bot ihm ein weiteres Mal an, innerhalb des Textabschnittes Änderungen vorzunehmen, sofern diese sachlich begründet seien. Darüber hinaus schlug ich ihm vor, dass sich seine Kommunikationsabteilung an mich wenden sollte, um diese Angelegenheiten direkt mit den entscheidungsbefugten Personen klären zu können. Ich setzte eine Frist bis Montagnachmittag. Diese verstrich, ohne dass sich jemand von dem Unternehmen bei mir gemeldet hätte.

Sicherheitshalber informierte ich die Redaktion der Financial Times Deutschland über den Vorfall. Würde die Redaktion zu ihrem Autor stehen?
Erfreulicherweise ja!
“Völlig richtig, da nicht zu Kreuze zu kriechen!”, schrieb der zuständige Redakteur.

Um solche Irritationen mit Journalisten zu vermeiden, sollten Unternehmen dafür sorgen, dass ihre maßgeblichen Mitarbeiter wissen, wie sie mit Presseanfragen umzugehen haben. Das spart Zeit, Arbeit und Ärger auf beiden Seiten.

Reden bis zum Umfallen

Februar 11, 2009 · Posted in Reden halten, schreiben, anhören (müssen) · Comment 

Vorsicht! Grußwortredner!

Ein Deutscher, ein Franzose und ein Engländer werden im fernen China zum Tode verurteilt. Jeder hat einen letzten Wunsch frei. Der Franzose wird als Erster gefragt. „Ich möchte noch einmal gut essen. Ein Sechs-Gänge-Menü mit Rotwein.” Er bekommt sein Essen und wird hingerichtet. Der letzte Wunsch des Deutschen: „Ich möchte noch eine große Rede halten.” Darauf der Engländer: „Bevor der Deutsche seine Rede hält, möchte ich erschossen werden.

Ja, liebe Leser, wir Deutschen sind nicht gerade berühmt für zündende, unterhaltsame Reden. Vielleicht haben Sie selbst schon einen endlosen Reigen langweiliger Grußworte über sich ergehen lassen müssen? Oder Sie haben einen Redenmarathon von zwei Stunden oder länger miterduldet? Leider denken Veranstalter, vor allem wenn diese dem öffentlichen Sektor zuzurechnen sind, bei der Programmplanung meist  nur an die Redner und professionellen Grußwort-Sprecher, nicht aber an das Publikum, das diesen endlosen Wortschwall ertragen muss.

Vor einiger Zeit ereignete sich in einer kleinen  Gemeinde Folgendes:  Es ist Sommer, nahezu 30 Grad im Schatten. Ein Gebäude wird eingeweiht. Der Reigen der Grußwortsprecher ist endlos: Bürgermeister, Minister, Hausherr, Ortsvorsteher, Pfarrer, mehrere Vereinsvorsitzende, Architekt, und, und, und. Der Saal ist klein, die Luft ist dick. Die Zeremonie dauert schon über zwei Stunden lang. Da sinkt die Frau eines Ehrengastes bewusstlos zu Boden.  Der Reden-Marathon musste abgebrochen werden. Der rasch herbeigerufene Arzt stellt fest: Nichts Ernsthaftes.  Nur über die Ursache muss noch gestritten werden: Lag es an der Hitze oder an der durch zu viele Reden verseuchten Luft?
Übrigens:  Die Gemeinde hat aus dem Vorfall gelernt. Zwei Wochen später mussten die Gäste bei der Einweihung eines weiteren Gebäudes fast drei Stunden  ausharren, bis auch das letzte Grußwort gesprochen war. Doch dieses Mal hatte die Gemeinde Vorsorge getroffen:  Die Gäste durften auf Stühlen Platz nehmen.

Trojanische Pferde in Redaktionen

Februar 3, 2009 · Posted in Journalismus und PR · Comment 

Für als Journalisten getarnte PR-Mitarbeiter stehen die Türen der Redaktionen sperrangelweit offen

Natürlich freut man sich als freier Journalist darüber, wie leicht es oftmals ist, Redaktionen Themen anzubieten oder sich als neuen Mitarbeiter vorzustellen. Anruf genügt: “Guten Tag, ich bin  freier Journalist. Hätten Sie Interesse an dem Thema XYZ?” Und schon ist man nicht nur im Gespräch, sondern häufig auch im Geschäft.
Doch es stellt sich die Frage: Wenn das bei mir so einfach funktioniert, dann sicher auch bei anderen. Da könnte ja jeder anrufen und sagen: “Ich bin freier Journalist …” – der Mitarbeiter einer PR-Agentur, der Pressesprecher eines Unternehmens oder die Ulknudel, die die Redaktion mit einem fingierten Beitrag foppen will.   Es verwundert, dass offensichtlich viele Redaktionen keine  Eingangskriterien festgelegt haben, die ein neuer Mitarbeiter erfüllen muss, will er für das Medium arbeiten. Aus reinem Selbstschutz wäre dies eigentlich angeraten. Und natürlich auch, um die Glaubwürdigkeit des eigenen Mediums aufrechtzuerhalten. Denn wenn es PR-Mitarbeitern auf so einfache Weise möglich ist, Inhalte als scheinbar unabhängige journalistische Beiträge zu plazieren, stellt dies letztlich die Unabhängigkeit des Mediums insgesamt infrage.

Mit nur einer Ausnahme von diesem traurigen Regelfall kann ich übrigens dienen: Das Wirtschaftsmagazin “Brand Eins” weist ausdrücklich darauf hin, dass es keine Artikel abnimmt über Personen oder Unternehmen, für die man als Journalist auch PR macht. Außerdem erhält man nach einem ersten Telefonat die Autorenrichtlinien des Verlags. Nur wenn man diese anerkennt, kann man für das Magazin tätig werden.
Das nenne ich vorbildlich, wenn es natürlich auch schwer sein wird, die Einhaltung zu kontrollieren.

www.brandeins.de

  • Sofortkontakt

    Ihr heißer Draht zu erfolgreicher Pressearbeit und besseren Texten: 06281/564 338 - einfach anrufen!
  • Newsletter

    Wie Sie Ihre Pressearbeit effektiver und erfolgreicher machen können. Tipps und Kniffe für zündende Reden und bessere Texte. Jeden Monat neu - kostenlos und unverbindlich. Am besten, Sie registrieren sich sofort.


    Wenn Sie sich wieder abmelden möchten, klicken Sie bitte diesen Link und folgen den Anweisungen.
?>