Leidensgenossen gesucht

Januar 28, 2009 · Posted in Reden halten, schreiben, anhören (müssen) · Comment 

Kolumne über das Unwesen des unprofessionellen Redens

Ich fürchte, daß ich an einer unheilbaren Berufskrankheit leide. Wenn ich hier darüber spreche, dann in der Hoffnung, daß dieses Bekenntnis meine Genesung begünstigt. Denn kein Arzt, kein Heilpraktiker hat mir helfen können. Ich leide unter Redenallergie oder, um den Fachausdruck zu gebrauchen, unter Palaverphobie. Wenn ein Mensch, meist männlichen Geschlechts, zu einem Rednerpult schreitet, überkommen mich Schweißausbrüche. Wenn er einen Stapel Blätter in Händen hält, raubt mir eine Enge in der Brust fast den Atem. Und wenn der Redner zu sprechen anhebt mit „Ich möchte begrüßen“ oder „Ich möchte danken“ und wenn er diese Phrase fünf bis zehn Minuten lang gebraucht hat, gerate ich schier in Panik. „Mein Gott!“, denke ich. „ Er möchte begrüßen, und spricht darüber schon seit zehn Minuten! Wie lange wird er noch reden, bis er mit dem Begrüßen endlich beginnt?“ Besonders schlimm wird es, wenn der Redner verspricht, sich kurzfassen zu wollen. Meine Hände zittern, und nur unter Aufbietung meiner ganzen Willenskraft kann ich verhindern zu klatschen, um nicht den Unmut der Anwesenden auf mich zu ziehen.
Besonders stark reagiert mein Körper, wenn der Betreffende ankündigt, zum Schluß kommen zu wollen. Mein Blutdruck steigt, ein Schwindel bemächtigt sich meiner. „Schluß, Ende, aus!“, möchte ich brüllen. „Mach doch einfach Schluß statt nur darüber zu reden!“ Doch zum Glück versagt meine Stimme, meine Zunge fühlt sich dick an wie ein Kloß und um mich her wird Nacht, bis der Applaus, der erlösende, mich in die Gegenwart zurückholt.
Leidet unter Ihnen, liebe Leser, jemand unter ähnlichen Symptomen? Wir könnten eine Selbsthilfegruppe gründen.
Auf alle Fälle wünsche ich Ihnen viele kurze, humorvolle und erfrischende Reden. Mit den besten Grüßen,

Ihr Martin Bernhard

Zehn Tipps zur erfolglosen Pressearbeit

Januar 17, 2009 · Posted in Journalismus und PR · Comment 

Wie man als Öffentlichkeitsarbeiter Journalisten die Arbeit möglichst schwer macht

Als Journalist, sei es als freischaffender oder als Redakteur, ist man stets Ziel von Presse- und Medienarbeitern, die offensichtlich die andere, also die journalistische Seite des Schreibtischs, nicht kennen.  Nur so ist es zu erklären, dass diese Zeitgenossen den Journalisten ihre Arbeit möglichst schwer machen.  Da die Flut der Presseverlautbarungen  aber stetig steigt, erreichen sie durch ihre Unprofessionalität, dass ihre Mitteilungen oft ungelesen weggeklickt oder weggeworfen werden.

Wer die folgenden zehn Regeln beachtet, der kann sich sicher sein, dass seine Pressemitteilung höchstwahrscheinlich nicht beachtet wird:

  1. Schreibe in die Betreffszeile Deiner E-Mail “Pressemitteilung”.
  2. Schreibe in das Textfeld Deiner E-Mail zum Beispiel Folgendes:
    “Sehr geehrte Damen und Herren, wir schicken Ihnen im Anhang eine Pressemittilung und bitten Sie, diese baldmöglichst zu veröffentlichen.”
  3. Oder noch besser: “Um unsere Pressemitteilung zum Thema ‘Die Supervision im Kindergarten’ zu erhalten, klicken Sie bitte auf folgenden Link: www….”
  4. Wenn Sie Ihre Pressemitteilung als Dokument der E-Mail beifügen, nennen Sie diese am besten “Pressemitteilung”; dadurch werden Neugierde und Interesse des Journalisten geweckt. Wenn er das Dokument auf seiner Festplatte speichert, findet er es garantiert nicht wieder.
  5. Mach deine Pressemitteilung spannend. Deswegen: Bringe das Wichtige, Neue, Einzigartige niemals am Anfang, sondern verstecke Deine Botschaft im letzten Drittel Deines Textes.
  6. Vermeide lästiges  Nachfragen des Journalisten. Schreibe deshalb auf das Blatt, auf dem die Mitteilung steht, niemals Deine Telefonnummer, am besten noch nicht einmal den für die Presse zuständigen Ansprechpartner.
  7. Bei Namensnennungen verzichte grundsätzlich auf die Vornamen.
  8. Verwende so viele Fachbegriffe und unerläuterte Abkürzungen wie möglich.
  9. Schreibe in langen, verschachtelten Sätzen. Das verdeutlicht die Wichtigkeit Deiner Nachricht.
  10. Gut Ding will Weile haben: Verschicke deshalb deine Pressemitteilung nicht so bald  wie möglich, sondern dann, wenn Du nichts Wichtigeres zu tun hast.

Der Plastinator als Künstler

Eröffnungspressekonferenz der Ausstellung “Körperwelten” in Heidelberg

Gewisse Medien nannten ihn vor gut vier Jahren “Dr. Tod”, weil er seinen Lebensunterhalt mit dem Präparieren und der öffentlichen Zurschaustellung von Leichen verdient.  Jetzt ist Dr. Gunther von Hagens nach Heidelberg zurückgekehrt.  Den für ihn charakteristischen schwarzen, breitkrempigen Hut auf den Kopf gedrückt, schaute er selbstzufrieden in die Schar der gut und gern 50 Journalisten, die zur Eröffnungspressekonferenz der Ausstellung “Körperwelten” am Freitag, 9. Januar, nach Heidelberg, Halle 02 in die Güteramtsstraße, gekommen waren. Und die Inszenierung war nahezu perfekt:  Die Ausstellungskuratorin Angelina Whalley stellte alle Teilnehmer auf dem Podium vor, bis auf einen. Dieser eine, jener Mann mit Hut, sprach am Ende. Das süffisante Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Er wirkte plötzlich zugänglich, konziliant, humorvoll. Er gestand Fehler der Vergangenheit ein, sprach von “Grenzbereichen”, in die er sich mit dem einen oder anderen Plastinat begibt. Und ganz ungeplant, so schien es, rief er einen Professor der Philosophie von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd nach vorn, der auf ethische Fragestellungen eines Journalisten des Evangelischen Pressedienstes antwortete:  “Der Mensch muss in den Plastinaten als Mensch erkennbar bleiben.” Es sei also undenkbar, den Mensch zu verdinglichen, zum Beispiel  eine  Schädelhälfte als Obstschale zu missbrauchen.

Die Materialien für die Presse sind nahezu vorbildlich zusammengestellt: Informationen über die Ausstellung, über die Geschichte der von von Hagens entwickelten Plastinationstechnik,  eine DVD mit einem Ausstellungsrundgang und einem Interview mit Gunther von Hagens, ein Buch über den Erfinder der Plastination, in dem ihn Weggefährten anlässlich seines 60. Geburtstags würdigen.

Und nahezu überall liest man von Hagens Erkenntnis: “Je älter ich werde, umso mehr empfinde ich das Leben als große Ausnahme von der Regel des Todes.”

Von Hagens inszeniert sich als Ausnahmepersönlichkeit, nicht als Wissenschaftler, nicht als Handwerker, sondern als Künstler.  Dass diese Inszenierung in Heidelberg gelungen ist, darauf deutet ein Radiobericht über die Ausstellung im zweiten Programm des Hessischen Rundfunks hin. Dieser wurde in einer Kultursendung ausgestrahlt.

www.koerperwelten.de

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